Was ist Biopiraterie?
Biopiraterie bezeichnet die private Aneignung von Leben – d. h. von Pfl anzen oder Tieren und ihren Bestandteilen oder Genen – und des Wissens über seine Nutzung mit Hilfe sogenannter geistiger Eigentumsrechte (englisch: Intellectual Property Rights, IPR). Dies sind Rechte, die einer Privatperson oder einem Unternehmen, einer Forschungseinrichtung oder einer sonstigen juristischen Person auf Antrag zugesprochen werden, um eine Erfi ndung, eine kreative Leistung oder einen Namen für ein Produkt zu „schützen“. Der Inhaber / die Inhaberin des geistigen Eigentumsrechts kann alle anderen von der gewerblichen Nutzung der entsprechenden Erfi ndung, des Namens etc. ausschließen oder dafür Lizenzgebühren verlangen. Geistige Eigentumsrechte schaffen für den Inhaber / die Inhaberin eine Art Monopol und führen zur Privatisierung von Erfi ndungen, Natur und Wissen. Diese werden zu einer Ware.
Biopiraterie ist nicht gleich Biopiraterie Je nach politischer Perspektive kann „Biopiraterie“ unterschiedliche Bedeutungen haben. Die Biodiversitätskonvention (Convention on Biological Diversity, kurz CBD, siehe Kapitel 3) schränkt die einfache Entwendung und Patentierung von Pfl anzen, Tieren, Mikroorganismen und genetischen Ressourcen ein. Sie gibt Regeln für die Aneignung des begehrten biologischen Materials vor: Wenn nach einer Einigung zwischen den ursprünglichen NutzerInnen und einem interessierten Unternehmen diesem ein Patent erteilt wird, liegt nach der Sichtweise der CBD keine Biopiraterie mehr vor – egal, welche „Nebenwirkungen“ offensichtlich werden. Diesem Buch liegt ein anderer Begriff von Biopiraterie zu Grunde. Biopiraterie wird als grundsätzlicher Prozess von Inwertsetzung und Gesellschaftsveränderung im globalen Kapitalismus gesehen. Biopiraterie bleibt Biopiraterie, selbst wenn es einige Vorgespräche gegeben hat, denn die Kommerzialisierung biologischer Vielfalt hat viele Nachteile. In diesem Buch wird auch von Biopiraterie gesprochen, wenn z. B. BäuerInnen ihre traditionellen Rechte, Saatgut selbst zu vermehren, zu tauschen und auszubringen, abgesprochen werden, weil kommerzielle Interessen und geistige Eigentumsrechte Vorrang erhalten. Völlig quer dazu liegt der Versuch großer Agrar- und Pharmakonzerne, als Biopiraten diejenigen zu bezeichnen, die patentierte Heil- oder Ackerpfl anzen nutzen, ohne eine Lizenzgebühr zu bezahlen. Die Konzerne verklagen gerne „Produktpiraten“ und „Biopiraten“. Eine Verdrehung der Tatsachen, wie dieses Buch noch zeigen wird.
Die meisten Biopiraten haben ihr Hauptquartier im Norden, in den sogenannten Industrieländern. Für viele der dort ansässigen Pharmaund Agrarunternehmen oder universitären Forschungseinrichtungen ist die biologische Vielfalt unseres Planeten in erster Linie ein Jagdrevier, um „grüne Beute“ zu machen. Die erbeuteten Produkte sind vor allem für die Märkte der Industrieländer bestimmt. Die Zentren der biologischen Vielfalt – der Vielfalt an Genen, Arten und Ökosystemen auf der Erde – und das Wissen über ihre Nutzung sind dagegen zum allergrößten Teil in den Ländern des globalen Südens, wie z. B. Mexiko oder Kolumbien, angesiedelt.
Dieses Buch beschreibt Biopiraterie. Vorgestellt werden die Akteure in Nord und Süd, die rechtlichen Bestimmungen, die Biopiraterie ermöglichen, Beispiele von Protest gegen Biopiraterie und vieles andere mehr. Biopiraterie in ihrer gegenwärtigen Dimension ist ein relativ neues Phänomen. Die rechtlichen Rahmenbedingungen für Biopiraterie wurden vor allem auf internationaler Ebene in den letzten 15 Jahren geschaffen. Die moderne Gentechnik eröffnet zudem neue Möglichkeiten, auf der Basis von natürlichen Ausgangsstoffen und Genen vermarktungsfähige Produkte herzustellen. Biopiraterie stellt eine neue Variante der Ausbeutung von Natur (einschließlich der menschlichen) dar. Sie ähnelt dabei in mancher Hinsicht kolonialen Ausbeutungsstrukturen: die „Rohstoffe“ (heutzutage nicht mehr nur Kaffee sondern z. B. auch Heilpfl anzen) kommen aus dem Süden, Weiterverarbeitung und Wertschöpfung geschehen dagegen im Norden. Die Menschen im globalen Süden erhalten häufi g keine Entschädigung und haben keinen Nutzen von den Produkten, die auf Grundlage ihres Wissens oder der in ihrem Lebensumfeld vorhandenen biologischen Vielfalt entwickelt worden sind.