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Futter- und Nahrungspflanzen

erstellt von dieter zuletzt verändert: 18.01.2006 01:28

Systematische Biopiraterie fi ndet nicht nur im Bereich der Heilpflanzen statt, sondern auch bei den Futter- und Nahrungsmitteln. Weltweit betrachtet sind Mais, Soja und Raps die wichtigsten Futtermittelpflanzen. Sie sind in Deutschland das bedeutendste landwirtschaftliche Be triebsmittel. Ca. 66 Mio. Tonnen im Wert von ca. 10 Mrd. Euro werden hierzulande jährlich in der Tierhaltung verfüttert.[9] Das entspricht etwa dem 8fachen des Getreideverbrauchs für die menschliche Ernährung.[10] Ein lukrativer Markt, der die Saatguthersteller verlockt, größere Anteile zu ergattern.

Ähnlich wie in der Viehzucht stellen bei der menschlichen Ernährung nur wenige Nahrungspflanzen den Großteil des Weltmarktvolumens: Weizen und Reis, Gerste und Mais, Hirse, Kartoffeln und Zucker. Die Kontrolle über Saatgut, Ernte und Verarbeitung dieser Pfl anzen verspricht gute Erträge. Daher sind viele international tätige Agrarkonzerne dabei, Pfl an zen gentechnisch zu manipulieren, neue Sorten zu entwickeln und durch geistige Eigentumsrechte zu schützen (vgl. Kap. 3 und 4). Angewiesen sind sie dabei häufig auf alte Sorten aus den Ursprungsregionen der heutigen Nutzpflanzen.

Der bekannteste Fall von Biopiraterie an Mais ist der sogenannte Ölmaisfall. Der Agrarchemiekonzern DuPont hatte auf konventionellem Weg eine Maissorte gezüchtet, deren Körner mehr als 6 % Öl und über 55 % Ölsäuregehaltanteil enthalten. Auf alle Maissorten mit einem solchen oder höheren Öl- und Ölsäuregehalt sowie deren Bestandteile oder Produkte erhielt DuPont unter anderem vom Europäischen Patentamt (EPA) ein Patent, obwohl in Mexiko seit langem etliche Maissorten angebaut werden, die diese Kriterien erfüllen. Letztendlich konnte das Patent durch Misereor, Greenpeace und die mexikanische Regierung gekippt werden.

Noch in einem anderen Fall wurde durch Widerspruch erreicht, dass ein Patent auf eine weit verbreitete Nutzpfl anze für nichtig erklärt wurde. Am 21. Mai 2003 erteilte das EPA dem US-Agrarkonzern Monsanto ein Patent auf konventionell gezüchteten Weizen mit einer bestimmten Genkombination. Diese natürlich vorkommende Kombination von Genen verleiht dem gemahlenen Weizen eine besondere Backqualität. Solcher Weizen wird in Indien unter dem Namen „Nap Hal“ von BäuerInnen bereits angebaut und gezüchtet – wie beim Ölmais wurde dies durch das EPA und Monsanto ignoriert. Für die Erteilung des Patentes entwickelte Monsanto lediglich durch herkömmliche Züchtung und Kreuzung einen Weichweizen, beschrieb die für die besondere Backqualität des Weizens verantwortlichen Gene und fügte dem Patentantrag einige Rezeptvorschläge bei. Der Patentanspruch erstreckte sich nicht nur auf die vom Unternehmen gezüchteten Pfl anzen, sondern gleich auf alle Weichweizen- Pfl anzen, die diese Genkombination in sich tragen. Monsanto hätte damit über ein Monopol vom Anbau des Weizens über die Zucht bis zu den daraus hergestellten Produkten wie Mehl, Teig und Kekse ver fügt, wäre dieses Patent nicht ebenfalls nach Protesten widerrufen worden.[11]

 Saatgutzüchtung und Gentechnik

 Viele Jahrhunderte suchten BäuerInnen vor der Ernte die besten
 Halme heraus und bewahrten die Körner für die Aussaat im folgenden
 Jahr auf. So entstanden viele verschiedene, jeweils an die
 lokalen Bedingungen – Höhenlage, Bodenbeschaffenheit, Klima
 – angepasste Sorten. Im 20. Jahrhundert übernahmen immer mehr
 kommerzielle Züchter die Aufgaben der BäuerInnen. Durch verbesserte
 technische Möglichkeiten entstanden weitere Sorten, seit
 den 1950er Jahren die sogenannten Hochertragssorten. Immer
 noch wurden Sorten gleicher Art (Weizen A und B) miteinander
 gekreuzt. In einigen Fällen gelang es über nahverwandte Artgrenzen
 hinweg neue Sorten zu züchten (z. B. Triticale aus Weizen und
 Roggen). Heutige gentechnologische Züchtung ist etwas völlig anderes,
 denn das Erbgut der Pfl anzen wird über Artgrenzen hinweg
 manipuliert.

In diesem und ähnlichen Fällen wird die züchterische Leistung von LandwirtInnen gewissermaßen „enteignet“: ein klarer Fall von Biopiraterie. Denn die LandwirtInnen haben in Jahrhunderte langer Arbeit die Vielfalt an Agrarpflanzen (auch als Agrobiodiversität bezeichnet) geschaffen und immer wieder modifiziert, um sie an veränderte Umweltbedingungen anzupassen. Vor allem in den Zentren der Nutzpfl anzenvielfalt – Mexiko für Mais, Peru für die Kartoffel, Naher Osten für Weizen – lässt sich die Tradition der Auslese und Weiterentwicklung von Saatgut über Jahrtausende zurückverfolgen. Die Bauern und v.a. die Bäuerinnen haben ein enormes Wissen über Anbaumethoden, Lagerung und Schädlingsbekämpfung angesammelt, welches ihnen durch das internationale Patent- und Sortenschutzrecht per Federstrich genommen wird. (s. Kap. 3 und 4).

Diese Art von Biopiraterie hat nicht erst in den letzten Jahren begonnen. Eine ihrer Wurzeln liegt in dem Aufbau von Zentren für die verschiedenen weltweit wichtigen Agrarpfl anzen in den 70er Jahren.[12] Im vorgeblichen Interesse der Sicherung der Sortenvielfalt begann zu dieser Zeit die Sammlung möglichst vieler Sorten in Genbanken. Hintergrund war die zunehmende Vernichtung der Agrobiodiversität durch die Ausbreitung einiger weniger Hochertragssorten. Die eingelagerte Sortenvielfalt nutzte nicht hauptsächlich den ursprünglichen EntwicklerInen, sondern denjenigen, die in den Laboratorien der Saatgutindustrie neue Sorten entwickelten und dann auf den Markt brachten. Diese Sammlungen unterlagen kaum internationalen Regelungen. Gleiches gilt für die in Botanischen oder Zoologischen Gärten gesammelten Pflanzen und Tiere.

Doch selbst wenn Regeln bestehen, werden sie kaum beachtet. Das zeigt etwa der Fall des in Thailand angebauten Jasminreises: Forscher um den Genetiker Chris Deren in Florida sind bemüht, mit Zell-Plasma der thailändischen Jasminreissorte „Hom-Mali“ vom Philippinischen Reisforschungszentrum (IRRI) eine Jasminreissorte zu entwickeln, die auch un ter den Anbaubedingungen der USA den charakteristischen Geschmack des Jasminreises aufweist. Eine für die Nutzung von Keimplasma eigentlich notwendige Übereinkunft mit dem IRRI, durch die eine kommerzielle Nutzung ausgeschlossen wird, wurde nicht abgeschlossen. Chris Deren konnte ohne ein solches Materialtransferabkommen (MTA) beginnen, den Jasminreis an die klimatischen Bedingungen Nordamerikas anzupassen. Für Thailands BäuerInnen wäre das Gelingen des Forschungsprojekts eine Katastrophe, sie exportieren jährlich Jasminreis im Wert von 120 Millionen Dollar in die USA. 2003 gab es in Bangkok deswegen heftige Proteste gegen diese Biopiraterie am Jasminreis. Derzeit wird über den Reis sogar im Rahmen des bilateralen Freihandelsabkommens zwischen Thailand und den USA verhandelt. Der thailändische Patentexperte Jade Donavanik kritisierte im Juni 2005, dass jedes Mal, wenn darüber verhandelt wird, große Aufregung entstehe, aber keine systematische Initiative von Regierungsseite ergriffen werde, um den so bedeutsamen Reis vor Patentierung durch Auswärtige zu schützen. Er weist insbesondere darauf hin, dass auch bei grundsätzlichem Schutz des Reises vor Patentierung die Gesetze so gestaltet sein könnten, dass seine Duftgene, seine Zell-Linien und viele andere physiologische und genetische Faktoren patentierbar sein könnten und warnte eindringlich vor Sorglosigkeit im Hinblick auf die Ausgestaltung des Thai-US-Abkommens.[13]

Absurd ist ebenfalls die Erteilung des Patentes auf Basmati-Reis: Im September 1998 bekam RiceTec, ein kleines Unternehmen in Alvin (Texas) ein US-Patent, welches das Recht umfasst, Basmati-Reis anzubauen und zu vermarkten. Mehr noch: Die Kreuzungszüchtungen von insgesamt 22 verschiedenen Reisvarietäten, von Bauern und Bäuerinnen des indischen Punjab gezüchtet, sollen RiceTec in Zukunft gehören. RiceTec beansprucht in diesem Patent für sich das Recht, seine entwickelten Reissorten unter dem Namen „Basmati“ vermarkten zu können. Die indische Regierung ging gegen dieses Patent vor, das den indischen Export von Basmati-Reis im Wert von ca. 277 Millionen Dollar jährlich gefährdet und damit das Einkommen von Tausenden von Bauern und Bäuerinnen der indischen Region Punjab bedroht. 20 Patentansprüche machte Rice- Tec geltend, im Laufe der Jahre wurden vier zurückgezogen und 13 wurden nach Einsprüchen für nicht rechtmäßig erklärt. Ende 2003 hatte RiceTec immer noch das Monopol auf 3 Reissorten und durfte seinen Reis als „Basmati – american style“ verkaufen.[14]

Viel Geld wird in die Züchtung neuer, patentierbarer oder mit Sortenschutz geschützter Pflanzensorten investiert. Konventionelle und gentechnische Verfahren werden angewendet, um eine angebliche Neuheit zu belegen, die den Anspruch auf die Erteilung eines Patentes begründen soll. Neu sind dabei mitunter nur die wissenschaftliche Beschreibung und der Nachweis der Stabilität von Sorten über mehrere Generationen hinweg.

[9] Weltproduktion an Futtermitteln (Ölschrote, Melasse, Fischmehl, Tapioka) ca. 450 Mio. Tonnen, siehe http://www.acti.de/media/Statistikbroschuere_04_05.pdf

[10] Die Weltgetreideproduktion (inkl. Reis) lag 2003/4 bei ca. 2 Mrd. Tonnen, in Deutschland ca. 50 Mio. Tonnen, vgl. http://www.acti.de/media/Statistikbroschuere_04_05.pdf

[11] Vgl. Einspruch von Kein Patent auf Leben, unter www.keinpatent.de, dann Einsprüche anklicken.

[12] Siehe auch Kapitel 2, Agrarteil.

[13] Vgl. J. Donavanik, A matter of serious royal concern, Bangkok Post vom 29. 6. 2005, www.bilaterals.org/article.php3?id_article=2195

[14] Vgl. Navdanya – Basmati Reis aus Indien, www.eza3welt.at