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Heilmittel

erstellt von dieter zuletzt verändert: 18.01.2006 00:28

Das ICBG Maya-Projekt ist nur ein Beispiel für Bioprospektion im Heilpflanzenbereich. Schon bevor es moderne Bioprospektion und Biopiraterie gab, hatte die Aneignung von Pfl anzen und traditionellem Heilwissen durch den „Westen“ eine lange Tradition.

Das fiebersenkende Heilmittel Chinin kann als typisches Beispiel für den Umgang der europäischen Eroberer mit dem Wissen der einheimischen Bevölkerung in den kolonialisierten Ländern gelten: 1636 hatte ein Medizinmann der Inka im heutigen Peru die Ehefrau des spanischen Vizekönigs Conde de Chinchón mit Hilfe der Chinabaumrinde vom Sumpffieber geheilt. Doch diesen Erfolg verbuchten andere als den ihren: Die genesene Gräfi n brachte den Wirkstoff als „Pulver der Contessa“ in Umlauf, die Jesuiten unter dem Namen „Jesuitenrinde“, und Kardinal Lugo pries es als „Pulver des Kardinals“ an. Alle wollten sich mit Chinin ein Denkmal setzen – und übergingen die Inka, die die Heilpfl anze ursprünglich als erfolgreiches Malariamittel entdeckt hatten.

Seit fünf Jahrhunderten durchstreifen Forschende aus dem Norden die südlichen Kontinente und tragen Pfl anzen, Tiere und deren Erbmaterial zusammen. Neben unbekannten Arten sind sie vor allem an den Heilpflanzen der ansässigen Bevölkerung interessiert. Nach Schätzungen stam men etwa drei Viertel der rund 7.000 pharmazeutischen Produkte pfl anzlichen Ursprungs, die heute auf dem Markt zu fi nden sind, von bekannten Heilverfahren der verschiedenen Gesellschaften im Süden ab. Der Weltmarkt für Produkte auf unmittelbarer Basis von genetischen Ressourcen soll sich auf 500 bis 800 Milliarden Dollar pro Jahr belaufen.[8] Obwohl die Einnahmen aus der Vermarktung dieser Produkte zu einem wesentlichen Teil auf den Vorleistungen und Kenntnissen der einheimischen Bevölkerung beruhen, wird diese so gut wie nie am Gewinn beteiligt. Die betroffenen Menschen wurden in der Regel nicht gefragt, ob sie mit der Kommerzialisierung ihres Wissens einverstanden sind. Noch heute wird die ursprüngliche Bevölkerung der Länder des globalen Südens übergangen, wenn zirka 200 Pharmaunternehmen systematisch die pflanzengenetischen Ressourcen im Hinblick auf ihre Verwendbarkeit für Medikamente erforschen und dabei Gene und Wirkstoffe isolieren.

Die großen Pharmakonzerne verfügen mittlerweile über eine Technologie, mit der sie bis zu 10.000 Pfl anzenextrakte pro Tag testen und analysieren können. Sie nehmen die gesamte Biodiversität des Planeten für ihre eigenen Verwertungsinteressen unter das Mikroskop. Ein Beispiel dafür ist Pure World Botanics Inc. mit Hauptsitz in New Jersey. Der Konzern hat sich auf botanische Extrakte spezialisiert: Jeden Tag werden aus ca. 5.000 kg grobem botanischen Material Extrakte isoliert. Damit hat PureWorld die größte Extraktionskapazität in Nordamerika. Die für die Industrie interessanten Pfl anzen werden ihrer jeweiligen natürlichen Umgebung entnommen und in Labors reproduziert. In den Gewächshäusern der Konzerne können Pfl anzen unter ähnlichen Bedingungen wie im Ursprungsland angebaut werden, wenn ihre natürlichen Vorkommen erschöpft sind.

[8] www.arte-tv.de