ICBG – ein Beispiel für Bioprospektion
Ein besonders umfangreiches Bioprospektions-Projekt ist das ICBG-Programm. [1] Beteiligt daran sind die US-amerikanische Regierung und verschiedene private und öffentliche US-Institutionen, das National Institutes of Health (NIH), das Biological Sciences Directorate of the National Science Foundation (NSF) und der Foreign Agriculture Service of the USDA. Diese Institutionen schlossen sich 1991 zusammen, da sie dringenden Handlungsbedarf in Bezug auf die Bedrohung der Biodiversität sahen. Ihre Ziele sind die „Bewahrung der Biodiversität unter den pfl anzlichen und tierischen Ressourcen der Welt, stetiges wirtschaftliches Wachstum für die Entwicklungsländer und Erforschung und Entwicklung von Arzneimitteln aus natürlichen Produkten um die menschliche Gesundheit zu verbessern” [2]
Nach Meinung der ICBG werden bis 2010 unvermeidlich 10 – 40 % aller Pflanzen- und Tierarten aussterben. Daher sieht ICBG ihre Aufgabe nicht in der Durchführung von Naturschutzprogrammen, sondern vielmehr in der Sammlung und Aufbewahrung genetischer Ressourcen.
Genetische Ressourcen sind im Sinne der Biodiversitätskonvention „genetisches Material von tatsächlichem oder potentiellem Wert“ (Art. 2). Schon der Begriff „Ressource“ ist jedoch hochproblematisch. Seine Verwendung beinhaltet, dass Pfl anzen, Tiere und ihre Gene nicht mehr als etwas eigenständig Existierendes und an sich Wertvolles betrachtet werden. Implizit wird mit diesem Begriff die Verwertbarkeit der Natur für den Menschen in den Vordergrund gerückt. Auch wenn die Bezeichnung „genetische Ressource“ in diesem Buch verwendet wird, sollte der bittere Beigeschmack nicht einfach heruntergeschluckt werden. Leben, Pflanzen und Tiere sind viel mehr als „Ressourcen“! [3]
Die ICBG führt Projekte in Mexiko, Argentinien, Chile, Panama, Madagaskar, Kamerun, Vietnam, Chile, Laos und Surinam durch. Im Vordergrund stehen die systematische Erforschung der Potentiale eines Landes und die Verwertung aller Formen einheimischen Wissens über bestimmte Anwendungen von Pfl anzeninhaltsstoffen.
Nicht überall gelingt die Durchführung solcher Pläne. Das Vorhaben in Mexiko zum Beispiel scheiterte am Widerstand der lokalen Bevölkerung. 1999 startete mit dem Namen „Entdeckung von Heilmitteln unter den Maya in Mexiko“ ein ICBG-Projekt, das mit 2,5 Mio. Dollar für eine Laufzeit von fünf Jahren ausgestattet wurde. Maßgeblich beteiligt waren die Foundation of Investigation der Universität von Georgia in den USA, das Colegio de la Frontera Sur (ECOSUR) – eine staatliche Institution, die aber hauptsächlich von privatem Kapital abhängig ist – in Mexiko und die Firma Molecular Nature Ltd. (MNL) in England. Außerdem sollte eine Vereinigung zur Vertretung der indigenen Interessen mit dem Namen PROMAYA ins Leben gerufen werden, die bis heute jedoch nur auf dem Papier existiert.4 Das Projekt war vor allem für den mexikanischen Bundesstaat Chiapas geplant. Rund 20 – 25 % der in Mexiko vorkommenden Artenvielfalt werden in dieser Region, die einem Zehntel der Landfläche Mexikos entspricht, vermutet. Zugleich gehört Chiapas zu den ärmsten Regionen Mexikos. Der hohe Anteil der indigenen Bevölkerung ließ die ProjektplanerInnen vermuten, dass dort ein großer Schatz an ausbeutbarem indigenem Wissen zu fi nden sein könnte.
In dem Projekt gab es eine Aufgabenteilung zwischen den beteiligten Institutionen: ECOSUR mit Sitz im südmexikanischen Bundesstaat Chiapas organisierte und koordinierte das Sammeln der Pfl anzen, zum Teil in Zusammenarbeit mit den indigenen Gemeinden vor Ort. Die Universität von Georgia holte das Material in die Vereinigten Staaten und führte verschiedene Testreihen mit den Pfl anzen durch. Bei positiven Reaktionen in Hinblick auf medizinische Aktivität wurde das Material nach England gebracht, wo die Gene sequenziert wurden. Mitte 2000 gab die University of Georgia an, dass bereits 5.961 Pflanzenarten gesammelt worden seien, jede mit jeweils 7 Duplikaten.[5]
Das ICBG-Maya-Projekt musste im Oktober 2001 beendet werden. Es war am breiten Widerstand der indigenen Bevölkerung, organisiert von COMPITCH,[6] einer Dachorganisation von 12 einheimischen HeilerInnen- Organisationen, gescheitert. COMPITCH kritisierte an dem Projekt, dass die ICBG Eignerin aller möglicherweise entstehenden Patente geworden wäre. Für entstehende Gewinne war eine Beteiligung der Gemeinden, mit Hilfe derer das Projekt die Pflanzen sammelt, vorgesehen. Allerdings hätte diese nur 0,25 % der Lizenzeinnahmen betragen. Diese 0,25 % wären nicht direkt an die Gemeinden gefl ossen, sondern an die noch gar nicht existente Organisation namens PROMAYA, die schließlich entscheiden sollte, welche Projekte damit fi nanziert werden würden. Die Gemeinden hätten kein Mitspracherecht erhalten. Nur die Gemeinden hätten ein Recht auf Geld gehabt, die einen Vertrag mit ICBG-Maya abgeschlossen hätten. Alle anderen Gemeinden ohne Vertrag mit ICBG, in denen die paten tierten Pfl anzen ebenfalls vorzufi nden sind, wären leer ausgegangen.[7]
[1] International Cooperative Biodiversity Group, siehe http://www.fi c.nih.gov/programs/icbg.html c.nih.gov/programs/icbg.html
[2] ICBG, International Cooperative Biodiversity Group, NIH Guide, Volume 26, No 27, RFA: TW-98-001, 1997.
[3] Zur kritischen Diskussion des Ressourcenbegriffs siehe Gregor Kaiser, Wenn Leben zur Ressource wird, in: ila – Zeitschrift der Informationsstelle Lateinamerika, Nr. 263, 2003, online unter "www.biopiraterie.de":"www.biopiraterie.de
[4] ETC-Group, US-Government`s $2,5 Millionen Biopiracy Project in Mexico cancelled, News Release, 9.11.2001.
[5] COMPITCH u.a., Pukuj, Biopirateria en Chiapas, Mexiko, 2000, S. 13f.
[6] Consejo Estatal de Organizaciónes de Médicos y Parteras Indígenas Tradicionales de Chiapas
[7] Ausführlicher zu ICBG Maya: Joscha Wullweber, Das grüne Gold der Gene, Verlag Westfälisches Dampfboot, 2004, S. 103 – 110.