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Naturschutz und Biopiraterie – enge Verwandte?

erstellt von dieter zuletzt verändert: 18.01.2006 01:28

Naturschutz und die Arbeit mancher Naturschutzorganisationen sind vor allem mit systematischer Biopiraterie und Bioprospektion häufig in unrühmlicher Weise verknüpft. Damit Naturschutz richtig funktionieren kann, wird oft eine Bestandsaufnahme der in einem Naturschutzgebiet befindlichen Pflanzen- und Tierarten durchgeführt. Die Ergebnisse sind durchaus für weitere Bioprospektion nutzbar.[15] Wissenschaftliche Publikationen formulieren zwar, dass die Erkenntnisse dem Schutz der Biodiversität und der lokalen Entwicklung dienen sowie zur „Verfeinerung“ der traditionellen Medizin beitragen sollen. Zugleich wird aber gesagt, dass die Forschungen der „westlichen Medizin zum Vorteil gereichen“ wird.[16] Es wäre ein Wunder wider die Logik kapitalistischer Ökonomie, sollte dies ohne Patentierung und Kommerzialisierung ablaufen.

Dabei liegt der Einrichtung von Naturschutzgebieten oft eine völlig unzureichende Analyse über die Gründe der Vernichtung der biologischen Vielfalt zu Grunde. Gute Beispiele dafür bietet unter anderem der „Corredor Biológico Mesoamericano“ (CBM), der Biologische Korridor Mit telamerikas. Dieser grüne Gürtel zieht sich von Oaxaca (Südmexiko) bis Panama, hier tummeln sich auf 0,5 Prozent der globalen Landfläche nach neuesten Schätzungen etwa 17 Prozent aller weltweit auf dem Land lebenden Tier- und Pflanzenarten.[17] In der nördlichen Hälfte des CBM gibt es einen Waldverlust von jährlich 400.000 ha. Geht es so weiter, wird dort der Wald im Jahr 2015 verschwunden sein.

Die Weltbank und diejenigen, deren Interessen sie vertritt, sind davon alarmiert. Mit dem „Critical Ecosystem Partnership Fund“ (CEPF) ver suchen sie, dieser Entwicklung entgegen zu wirken. Dieser Fonds mit 150 Millionen Dollar wurde von der Weltbank, der Naturschutzorganisation Conservation International (CI) und anderen zum Schutz der 25 am meisten bedrohten Naturgebiete der Welt eingerichtet. Der Waldverlust ist in den Beschreibungen der CEPF-Projekte korrekt dargestellt,[18] jedoch wird eine wesentliche Ursache dafür – die extrem ungerechte Landverteilung – verschwiegen. Während der Siedlungsdruck, der dadurch entsteht, dass landlose Campesinos auf unberührte Naturräume ausweichen und die Natur nutzen, als nicht akzeptabel gilt, wird der Holzeinschlag von Regierungen und der Weltbank geduldet oder gar gefördert.[19]

Eine der Formeln, die zum Naturschutz im Bereich des CBM von den Geldgebern entwickelt wurde, lautet: „Der Peten (in Guatemala) als eine Quelle biologischer Reichtümer (hat) das ökonomische Potenzial, sich sei nen Schutz selbst zu erkaufen.“ [20] Was bedeutet das für die Men - schen? Einige dürfen ihre Arbeitskraft bei Umweltdienstleistungen verkaufen, bei Wiederaufforstungs- und Bioprospektionsprogrammen, als Bewacher von Biosphärenreservaten oder als Lakaien im Tourismusgeschäft. Die Übrigen wandern in die Städte ab oder werden zum Teil aktiv vertrieben – beispielsweise aus den Biosphärenreservaten Montes Azules in Chiapas / Mexiko [21] und Rio Plátano in Honduras.

In einer Publikation des World Watch Institute wird die zwielichtige Rolle analysiert, die globale Naturschutzorganisationen, allen voran CI und The Nature Conservancy (TNC) dabei spielen. Ein CI-Mitarbeiter in Brasilien äußerte sich: „Offengestanden, was die Indios wollen interessiert mich herzlich wenig. Unsere Aufgabe ist der Schutz der Biodiversität.“ [22] Insbesondere in Chiapas, wo CI eine starke Präsenz hat, wurde ihr vorgeworfen, durch das Militär Landbevölkerung aus dem Regenwald vertreiben zu lassen, für internationale Konzerne Bioprospektion zu betreiben und mit Flugzeugen die Gegend zu kontrollieren, um dabei besonders die aufständische indigene Bevölkerung im Auge zu haben und die Daten an die US-amerikanische und an die mexikanische Regierung weiterzugeben. [23]

Ein weiteres Beispiel für Vertreibungen im Zusammenhang mit Naturschutz ist das Schutzgebiet Bosawas in Nicaragua. Die deutsche Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) unterstützt Projekte innerhalb dieses Schutzgebiets mit 2,56 Millionen Euro. Die Mittel stehen „zu etwa gleichen Teilen für intensive Schutzmaßnahmen (Demarkierungen, Bau und Ausrüstung von Kontrollpunkten, Beschaffung von Fahrzeugen, Booten, Kommunikationsmitteln etc.) und für kleinere Projekte der sozialen und gegebenenfalls wirtschaftlichen Infrastruktur“ zur Verfügung. Das Projekt richtet sich „vor allem an die indianische Ethnie der Mayangna (etwa 10.000 Zugehörige) sowie die bäuerliche Mestizenbevölkerung (etwa 45.000 Zugehörige) als Zielgruppe.” [24]

Aus dem von der KfW mitfi nanzierten Schutzgebiet wurden wiederholt dort angesiedelte Menschen vertrieben, weil sie aus Sicht der Verantwortlichen eine Gefahr für die biologische Vielfalt darstellen. Auf einer Versammlung am 5.02.2004 in Siuna (Nicaragua) wurde Klartext geredet. Vertreter von Regierungsbehörden machten deutlich, dass es mit den 663 im Jahr 2003 geräumten Personen nicht genug sei und weitere Räumungen erforderlich seien. Eine entsprechende Forderung wurde in einem Brief des Umweltministers vom 12.01.2004 erhoben, der auf dieser Versammlung herumgereicht wurde. Unverblümt wurde ausgesprochen, dass es bei diesem „Entwicklungsprogramm“ um die Vertreibung der ansässigen Bevölkerung geht. Kann es sein, dass Naturschutz vor allem dann „Charme“ hat, wenn er „ohne Menschen“ betrieben wird?

[15] In einem „Aprendices de Chamanes“ genannten Projekt arbeitete Conservation International mit den Pharmariesen Bristol-Myers Sqibb und dem mexikanischen Biotechnologie- Multi Pulsar zusammen, vgl. Los Organismos Genéticamente Modifi cados: Implicaciones para México y Chiapas, Chiapas al Día, Nr. 175 vom 18.09.1999.

[16] B. Frei et al., Medical ethnobotany of the Zapotecs of the Isthmus-Sierra (Oaxaca, Mexico): documentation and assessment of indigenous uses, Journal of Ethnopharmacology 1998, 149-165.

[17] CEPF, Ecosystem Profi le: Northern Region of the Mesoamerica Biodiversity Hotspot – Belize, Guatemala, Mexico, 2004.

[18] http://www.cepf.net/xp/cepf/where_we_work/mesoamerica/mesoamerica_info.xml

[19] T. Engelbrecht,: Hackfl eisch aus dem Regenwald, Freitag Nr. 26, 2005, www.freitag.de/2005/26/05261801.php

[20] www.iadb.org/idbamerica/archive/stories/1998/eng/sr98e3.htm

[21] Vgl. Erneute Räumungen in den Montes Azules, Chiapas al Día Nr. 393 vom 03.02.2004.

[22] M. Chapin, A Challenge to Conservationists, World Watch Magazine, November/Dezember 2004, S. 16 (eigene Übersetzung), http://www.worldwatch.org/pubs/download/EP176A/ [23] Vgl. M. Chapin, A Challenge to Conservationists, S. 14.

[24] Siehe die Projektbeschreibung unter http://www.kfw-entwicklungsbank.de/DE/Laender%20und%20Projekte/Lateinamer79/Nicaragua61/EPKD_02496_DE_Schutz_des_Biosphaerenreservats_BOSAWAS.pdf