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Ein neues Medikament entsteht

erstellt von dieter zuletzt verändert: 18.01.2006 00:28

Bis zum marktreifen Medikament ist es ein langer Weg. Lange nicht alles, was als Heilpflanze angesehen wird, taugt auch als Medikament. So wird in mehren Schritten in sogenannter Grundlagenforschung die Spreu vom Weizen getrennt. Die Inhaltsstoffe z. B. einer Pflanze müs sen erst daraufhin getestet werden, ob und gegen welche Krankheiten sie wirksam sind. Solche Tests auf bestimmte Eigenschaften werden heute häufig automatisiert durchgeführt. Was keine interessanten Eigenschaften zeigt, wird aussortiert, und was in das gewünschte Schema passt, landet in einer Datenbank und wird bei Bedarf genauer untersucht. Es folgen Tierversuche, gegebenenfalls chemische Veränderungen, und schließ lich die Erprobung am Menschen im Rahmen ärztlich begleiteter Untersuchungen, den klinischen Studien. Erst wenn in dieser „Anwendungsforschung“ Wirksamkeit und Sicherheit eines neuen Medikaments untersucht sind, wird es für den Markt zugelassen. Der Weg vom interessanten Wirkstoff aus der Datenbank bis zum zugelassenen Medikament dauert etwa zehn Jahre. Häufig wird in Zeitungsberichten oder Fernsehsendungen die Zahl 800 Millionen Euro genannt, die es angeblich kostet, ein neues Medikament auf den Markt zu bringen. Die realen, durch den Verkauf von Produkten wieder zu erwirtschaften Forschungs- und Entwicklungskosten liegen jedoch nur bei ca. 120 – 150 Mio. Euro – die Ausgaben für Marketing sind doppelt so hoch! [26]

An diesem aufwändigen und umfangreichen Prozess sind verschiedene Akteure beteiligt. Die Wirkstoffentwicklung wird in der Regel von öffentlichen Einrichtungen durchgeführt, in Deutschland sind das vor allem Universitäten. Traditionell zuständig ist die Pharmazie. Einer der Pharmazeuten ist z. B. Helmut Wiedenfeld von der Universität Bonn.[27] Wiedenfeld erforscht seit einigen Jahren Pflanzen, die in Mexiko traditionell gegen Diabetes verwendet werden. Er war selbst oft in Mexiko und lebte dort über Monate in verschiedenen Dörfern. So konnte er das Vertrauen der DorfbewohnerInnen und traditionellen HeilerInnen gewinnen, die ihn über ihre traditionellen Heilpflanzen und ihre richtige Zubereitung informierten. Er will ein Anti-Diabetes Medikament auf pflanzlicher Basis entwickeln. Im Lauf der Zeit sammelte der Pharmazeut über hundert Pfl anzenarten, die er im Labor untersuchte, und schließlich konnte er vier eindeutig als blutzuckersenkend identifizieren. Wie sehr die westlichen ForscherInnen bei derartigen Unternehmungen vom Wissen der indigenen Heiler abhängen, geht aus einer Pressemitteilung der Universität Bonn hervor. Nachdem Dr. Wiedenfeld verschiedene Naturarzneien „meist ohne jeden Erfolg“ an zuckerkranken Ratten getestet hatte, durfte sein Diplomand dem Schamanen des Hochland-Dorfs Xochipala mehrere Monate über die Schulter sehen. „Der Schlüssel liegt häufi g in der Zubereitung“, erklärte Wiedenfeld. Der Heiler von Xochipala versetzte die Arzneipfl anze beispielsweise mit Mais oder anderen Zutaten und ließ die Mischung einige Zeit stehen. „ ‚Molekulare Scheren‘ im Mais zerschneiden dabei Inhaltsstoffe der Anti-Diabetes-Pflanze in kleinere Bruchstücke. ‚Und eines dieser Bruchstücke wirkt gegen die Zuckerkrankheit‘ “. Es folgten weitere Experimente, um die Wirksamkeit und Halt barkeit zu verbessern. Sollte daraus ein industriell hergestelltes Produkt entstehen, müsste eine verlässliche Versorgung mit dem Rohstoff Pfl anze gewährleistet sein. Das Sammeln großer Mengen wilder Pflanzen ist in Mexiko aus Umweltschutzgründen verboten. Deshalb wurden im nächsten Schritt die Pflanzen so weitergezüchtet, dass sie in Mexiko kultiviert angepflanzt werden können. Die Kommerzialisierung soll nicht lange auf sich warten lassen. „Eine Naturarznei-Firma hat bereits Interesse an dem neuen Bio-Medikament bekundet“, heißt es in der Pressemitteilung. [28]

So funktioniert solche Forschung häufi g: In diesem klassischen Fall der Ethnopharmazie bedient sich pharmazeutische Forschung der traditionellen Heilkunde anderer Kulturen. Ohne gezielte Hinweise hätte Wiedenfeld wohl kaum „die Nadel im Heuhaufen“ in der enormen Pfl anzenvielfalt Mexikos gefunden. Es gibt viele Forschende, die sich weltweit des überlieferten Wissens über Heilpfl anzen bedienen. Gabriele König vom Institut für Pharmazeutische Biologie der Uni Bonn [29] untersucht systematisch Heilpfl anzen des Sudan. In Kooperation mit sudanesischen Wissenschaftlern und dem sudanesischen Wissenschaftsministerium führen ihre MitarbeiterInnen Interviews mit traditionellen Heilern durch. Diese Interviews stellen die Grundlage für eine Katalogisierung der sudanesischen Heilpfl anzen dar. Ähnliche Projekte laufen im Kongo und in Ruanda.

Die Gefahren, die hinter solchen Kooperationen lauern, werden an anderer Stelle dieses Buches ausführlicher dargestellt: Wurden die „HüterInnen“ des traditionellen Wissens vorher nach ihrem Einverständnis gefragt? Kommt der Wissensgewinn wirklich den Menschen in Indonesien zugute? Wie sieht es aus mit Patentierungen und anderen Exklusivrechten? Wie weit geht anschließend der Monopolanspruch des Pharmaunternehmens? Und inwiefern erhöht zum Beispiel der Aufkauf von Pflanzen in den Ursprungsländern die Preise auf den Märkten mit der Gefahr, dass viele Einheimische sich die nun begehrte Ressource nicht mehr leisten können?

Doch die moderne Technik macht es möglich, auch ohne überliefertes Wissen auf interessante Wirkstoffe zu stoßen. Labortechniken zur Untersuchung auf medizinische Wirksamkeit sind inzwischen weitgehend automatisiert, und so können systematisch und in großem Umfang Präparate untersucht werden, über die es kein oder nur wenig Vorwissen gibt. Hier spielt die Biologie eine wichtige Rolle. Am Institut für Pharmazeutische Biologie der Universität Düsseldorf beispielsweise untersucht Peter Proksch Meeresorganismen, vor allem Schwämme und Korallen aus Indonesien. Werden interessante Wirkstoffe gefunden, muss genau untersucht werden, wie diese aufgebaut sind. Hier kommt die Chemie zum Zug. Am Institut für Organische Chemie der Universität Göttingen hat sich Hartmut Laatsch auf Meeresbakterien und Pilze spezialisiert, wichtige Kooperationspartner für seine Untersuchungen sind China, Chile und Jordanien.[30]

[26] Siehe http://www.bukopharma.de/Pharma-Brief/PHBF200108Seite1-2.htm und www.bukopharma.de/Pharma-Brief/PB-Archiv/1996/phbf9608.html

[27] http://phyto.pharma.uni-bonn.de/

[28] www.uni-bonn.de/aktuelles/presseinformationen/2003/200.html

[29] www.uni-bonn.de/www/Pharmazeutische_Biologie/Forschung/Koenig.html

[30] http://wwwuser.gwdg.de/~ucoc/laatsch/index.html