Fusionitis und Übernahmen
„Als wir vor 25 Jahren mit unserer Arbeit begannen, haben wir 1000 international agierende Saatgut-Konzerne im Blick gehabt, vor zehn Jahren waren es noch 100 – heute spielt sich das meiste zwischen zehn transnationalen Agrarkonzernen ab“, beschreibt Silvia Ribeiro von der NGO ETC-Group in Mexiko eine wichtige Entwicklung in der Agrarbranche. Selbst für die größten Konzerne ist es nicht leicht, in dieser Branche zu bestehen: Es herrscht Fressen und Gefressenwerden. Die britische NGO Corporatewatch stellte in einem „Family-Tree“ dar, welchen rasanten Wandel das internationale Agrarbusiness durchmacht. Unter diesen Rahmenbedingungen erscheint der Kampf um Monopole, die zumindest für eine gewisse Zeit den Bestand des Unternehmens sichern, logisch. Kooperationen, Übernahmen und Aufkäufe spielen eine große Rolle bei dem Versuch, sich immer wieder erfolgversprechend auf dem Welt markt aufzustellen. Wechselhaft liest sich die Geschichte des Schweizer Unternehmens Syngenta, dass das Ergebnis einer langen Reihe von Fusionen und Übernahmen ist. Es ist Weltmarktführer für Agrochemikalien und rangiert in der Rangfolge der Saatgut-Anbieter weltweit auf Platz drei.
1970 die Schweizer Chemiekonzerne Ciba und Geigy fusionieren
zu Ciba-Geigy
1996 Sandoz (Schweiz) fusioniert mit Ciba-Geigy zu Novartis.
1993 ICI (Großbritannien) spaltet seinen Agrochemie-, Saatgutund
Pharmabereich ab und gründet Zeneca.
1999 Astra (schwedisches Pharmaunternehmen) fusioniert mit
Zeneca zu AstraZeneca (jetzt als schwedisch-britischer
Life-Science Konzern).
2000 Die Agrochemie- und Saatgut-Abteilung von Novartis fusioniert
mit dem Agrochemiebereich von AstraZenaca zu Syngenta.
Die wirtschaftlich führende Position des Bayer-Konzerns, eigentlich als Pharma- und Chemiegigant bekannt, ist ebenfalls auf viele Fusionen und Übernahmen zurückzuführen. So ist es gerade 10 Jahre her, dass der Pharmakonzern Schering (Berlin) und die Hoechst AG (Frankfurt) die AgrEvo aus der Taufe hoben und gentechnisch manipuliertes Saatgut auf Versuchsfeldern testeten. Wenige Jahre später fi rmierte die AgrEvo unter Aventis Crop Science, als Tochter des US-amerikanischen Pharma- und Chemiekonzerns Aventis. 2002 musste man erneut umlernen: Die Firmenschilder der Produktionsstellen wurden getauscht, jetzt ist dort Bayer Crop Science zu lesen. Damit hat einer der größten Agrarkonzerne der Welt seinen Sitz in Deutschland und gehört zum selben Haus, das Aspirin und andere bekannte Medikamente und Chemikalien herstellt.
Wer heute die größten Agrarkonzerne untersucht, erkennt, dass sie fast alle Kombi-Unternehmen sind, meist aus der Chemie- oder Pharmabranche stammen und ihre Produkte zu kombinieren wissen: Sowohl der
Die größten internationalen Agrochemie- und Saatgut-Konzerne [42] |-------------------------------------------------------------------------------------| | Firma | Umsatz Saatgut, | Umsatz Agrochemie | Summe in | | | 2003 in Mio US $ | 2003 in Mio US $ | 2003 in Mio US $ | |=====================================================================================| | 1. Syngenta | 1,071 | 5.507 | 6.578 | | (Switzerland) | | | | |-------------------------------------------------------------------------------------| | 2. Bayer Crop | 311 | 5.394 | 5.705 | | Science (Germany) | | | | |-------------------------------------------------------------------------------------| | 3. Monsanto (US) | 1,879 | 3.031 | 4.910 | |-------------------------------------------------------------------------------------| | 4. Dupont (Pioneer) US | 2,240 | 2.024 | 4.264 | |-------------------------------------------------------------------------------------| | 5. BASF (Germany) | | 3.569 | 3.569 | |-------------------------------------------------------------------------------------| | 6. Dow (US) | 204 | 3.008 | 3.212 | |-------------------------------------------------------------------------------------| | 7. Sumitomo Chemical | | 1.141 | 1.141 | | (Japan) | | | | |-------------------------------------------------------------------------------------| | 8. MAI (Israel) | | 1.035 | 1.035 | |-------------------------------------------------------------------------------------| | 9. Nufarm (Australien) | | 801 | 801 | |-------------------------------------------------------------------------------------| | 10. Arysta (Japan) | | 711 | 711 | |-------------------------------------------------------------------------------------| | 11. KWS AG (Germany) | 529 | | 529 | |-------------------------------------------------------------------------------------| | 12. Seminis (US), | 477 | | 477 | | 2005 von Monsanto | | | | | gekauft | | | | |-------------------------------------------------------------------------------------| | 13. Groupe Limagrain | 497 | | 497 | | (Vilmorin Clause) France | | | | |-------------------------------------------------------------------------------------| | 15. Sakata (Japan) | 395 | | 395 | |-------------------------------------------------------------------------------------| | 16. Delta & Pine Land | 315 | | 315 | | (US) | | | | |-------------------------------------------------------------------------------------| | Weltmarkt | 13.000 | 29.000 | 43 44.000 [44] | |=====================================================================================| Leere Felder bedeuten, dass keine Angaben vorliegen.
US-amerikanische Konzern Monsanto als auch Bayer Crop Science bieten das gewinnträchtige „All-in-one-Paket“ aus gentechnisch manipuliertem Saatgut und dem passenden Pestizid an. „Wir haben erst mit der Zusammenführung der beiden Unternehmen die kritische Masse erreicht, die es uns erlaubt, als Komplettanbieter aufzutreten und zu forschen“, erklärte Jochen Wulff, Chef des neuen Bayer-Einkaufs, die Hintergründe der Fusion. Die Leverkusener haben für das Agrochemie-Geschäft des ehemaligen Hoechst-Konzerns rund 7,25 Mrd. Euro bezahlt.
Der Verkauf von Heilmitteln bzw. daraus gewonnenen Arzneimitteln und Saatgut ist lukrativ. Weltweit werden mit Pfl anzenschutzmitteln und Saatgut Umsätze von rund 60 Mrd. US-Dollar erzielt.[45] Um Konkurrenz – auch die Konkurrenz der selbstständig wirtschaftenden KleinbäuerInnen – auszuschalten, kämpft die Konzernlobby für die Beschneidung von Bauernrechten (Farmers’ Rights) und von Rechten indigener Völker. BäuerInnen werden um die Möglichkeit eigener Saatgutproduktion gebracht und EthnobotanikerInnen nutzen die Gutgläubigkeit und das Vertrauen von Schamanen und indigenen HeilerInnen aus. Dies alles geschieht durch Knebelverträge, Verschweigen von Forschungszielen, inter nationale Abkommen und daraus entwickelte Patent- oder Sortenschutz- Gesetze, durch Hybrid-[46] und schließlich sogar Gentechnologie (siehe Kapitel 4, Nachbaugebühren). Gleichzeitig sichern sich die Konzerne den Zugriff auf wichtige Gene und Pflanzensorten – in typischer Biopiratenmanier mittels Patenten. Fragen nach einer naturverträglichen Landwirtschaft, lokalen gesellschaftlichen Gegebenheiten und Ernährungssouveränität bzw. nach sozialen und kulturellen Rechten spielen in den Augen vieler Konzerne und PolitikerInnen keine Rolle.
[42] Quelle: Agro World Crop Protection News, PJB Publications Ltd., 25. August 2004.
[43] http://gruppen.greenpeace.de/aachen/gentechnik.html
[44] Anlagestudie Syngenta der Basellandschaftlichen Kantonalbank, www.blkb.ch/syngenta-200311.pdf
[45] Vgl. ETC-Group, Oligopoly, Inc., Concentration in Corporate Power, 2003.
[46] Die „Grüne Revolution“ fußt zum größten Teil auf der Hybridtechnologie: Zwei Inzuchtsorten, d. h. mehrmals miteinander gekreuzte Individuen einer Sorte, werden miteinander gekreuzt, um die jeweils besten Eigenschaften zusammen zubringen. Die Erträge im ersten Jahr sind sehr hoch, im zweiten häufi g weniger als 60%. Daher lohnt sich die Wiederaussaat der Ernte kaum und die BäuerInnen werden zum jährlichen Kauf von Saatgut gezwungen.