Pharmakonzernen über die Schultern geschaut
!1859 gelang dem Chemiker Charles Fréderic Gerhardt ein guter Wurf. Ausgehend von Weidenrinde, die als Hausmittel bei Fieber bekannt war, hatte er durch chemische Veränderung ein weißes Pulver hergestellt, das in seiner Wirkung deutlich stärker war als das traditionelle Mittel. Das Medikament mit dem Wirkstoff Acetylsalicylsäure wurde 1899 von der Firma Bayer als Schmerz- und Fiebermedikament auf den Markt gebracht. Sein Name: Aspirin.[25] Die Geschichte von Aspirin ist keine Ausnahme. Jedes vierte „moderne“ Medikament geht in seinen Anfängen auf eine Heilpflanze zurück: viele Herzmedikamente wurden aus dem giftigen Fingerhut entwickelt, das Krebsmedikament Taxol stammt aus der pazifischen Eibe. Schlafmohn diente als Grundlage für das Hustenmittel Kodein, und aus Blättern der Ananaspflanze wurde das entzündungshemmende Bromelain isoliert. Ohne Heilpflanzen wären viele Arzneimittel erst gar nicht entwickelt worden. Wenn Pharmakonzerne an neuen Medikamenten forschen, greifen sie oft auf Wirkstoffe der Natur zurück. Das hat Tradition: die moderne Arzneimittelkunde, die Pharmazie, begann im 19. Jahrhundert mit der systematischen Untersuchung von Heilpflanzen, deren Inhaltsstoffe dann chemisch verändert wurden. Man bediente sich einheimischer Heilpflanzen wie der Weidenrinde, aber auch exotischer Pflanzen aus fernen Erdteilen, die bereits in großer Auswahl in den botanischen Gärten vorzufinden waren. Heute gibt es kaum etwas, das nicht auf seine Tauglichkeit als Arzneimittel untersucht wird. Egal, ob es sich um das Gift eines Tropenfroschs handelt, um Algen aus dem Roten Meer oder eine Flechte aus der kaukasischen Tundra. Besonders die tropischen Regionen mit ihrer biologischen Vielfalt bergen einen großen Schatz, der medizinisch nützlich sein kann.
[25] Müller-Jahncke, Friedrich, Meyer, Arzneimittelgeschichte, 2005.