Wie wird man Biopirat?
Ist es verwerflich, tropische Heilpfl anzen zu untersuchen? Wie soll man als ForschendeR mit den Ergebnissen umgehen? Dürfen kommerzielle Pro dukte daraus entwickelt werden? Die Übergänge sind fließend. Manche Forschende verstehen ihre Arbeit als „rein wissenschaftlich“ und sind zufrieden damit, ihre Ergebnisse in anerkannten Fachzeitschriften zu veröffentlichen. Doch rein sachliche Wissenschaft gibt es nicht, Forschung bewegt sich immer in einem bestimmten gesellschaftlichen Umfeld. So hat inzwischen die Kommerzialisierung Einzug in deutsche Hochschulen gehalten. Das Einwerben so genannter Drittmittel durch Auftragsforschung für die Industrie gehört schon seit Jahrzehnten zum Handwerkszeug der Forschung. Relativ neu ist, dass immer mehr Forschende sich bemühen, ihre eigenen Ergebnisse in bare Münze umzuwandeln. Manchmal beruht dies vor allem auf der Geschäftstüchtigkeit der ForscherInnen, doch es ist auch zum Leitprinzip der europäischen Forschungspolitik geworden. ForscherInnen werden von Staats wegen dazu angehalten, ihr Forschungsbudget mit eigenen Einnahmen aufzubessern. Patentbüros gibt es heute an jeder Universität. Hartmut Laatsch nennt auf seiner Webseite diverse Patente auf Wirkstoffe zur Verwendung als Medikament oder Fungizid (=pilztötendes Mittel), die zusammen mit Firmen wie BASF oder der früheren Boehringer Mannheim (jetzt ROCHE) entwickelt wurden. Ein Projekt von Peter Proksch aus Düsseldorf, das vom Bundesforschungsministerium gefördert wurde, untersuchte Heilpflanzen der indonesischen Volksmedizin auf ihre Inhaltsstoffe.[31] Für die Tests auf Eignung als Medikament war das Pharmaunternehmen Willmar Schwabe zuständig, wogegen die Entwicklung eines nachhaltigen und umweltschonenden Pfl anzenanbaus einem indonesischen Partner oblag. Nicht immer sind Pharmaunternehmen so direkt in ein ethnopharmazeutisches Projekt eingebunden wie bei dieser Kooperation. Die direkte Entwicklung pfl anzlicher Medikamente ist in Deutschland vor allem eine Angelegenheit kleiner und mittlerer Unternehmen, die wenige Kapazitäten für teure Forschung haben. Auf der Grundlage von Pflanzeninhaltsstoffen neue chemische Wirkstoffe zu entwickeln, bleibt den finanzstarken Pharmakonzernen vorbehalten. Der Weltmarkt wird vor allem von US-Konzernen wie Pfizer, Bristol-Myers Squibb oder der britischen GlaxoSmithCline beherrscht. Von den deutschen Firmen, die früher als „Apotheke der Welt“ galten, sind nur noch wenige übrig geblieben: Bayer, Boehringer Ingelheim oder der Hormonhersteller Schering. Der Bayer-Konzern ist einer der wenigen, die eine eigene Abteilung für Naturstoffforschung haben. Auch die US-Firma Merck, die in Costa Rica ein riesiges Bioprospektionsprojekt finanziert und sich Exklusivrechte für die Ergebnisse gesichert hat, ist eher die Ausnahme. In der Regel überlassen die Unternehmen die Grundlagenforschung den Universitäten und kaufen dann interessante Ergebnisse auf. Daneben gibt es private Anbieter, die eigene Datenbanken mit Naturstoffen betreiben.
[31] www.rz.uni-duesseldorf.de/WWW/MathNat/PharmBio/Arbeitsgruppe Proksch/akpp-neu.htm