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„Unsere Waffe wird das Schweigen sein“: Positionen indigener Gruppen

erstellt von dieter zuletzt verändert: 18.01.2006 00:28

Indigene [120] Gemeinschaften oder Völker [121] aller Kontinente melden sich inzwischen auch in internationalen Verhandlungen zu Wort. Mögen viele Fallstudien über Bioprospektion in den 1990er Jahren die Teilnahme indigener Gemeinschaften an derartigen Projekten und ihr Eingehen auf Bestimmungen über Zugang und Vorteilsausgleich zeigen [122] – das eingangs zitierte Statement, hinter dem eine ganze Reihe indigener Organisationen steht, spricht eine deutlich andere Sprache. Geht es in internationalen Verhandlungen um Biopiraterie, Bioprospektion und Zugangsfragen, sind die Positionen indigener Organisationen häufig wesentlich radikaler als diejenigen vieler NGOs. Viele von ihnen fordern ein sofortiges Moratorium auf Bioprospektionsprojekte und auf den Zugang zu genetischen Ressourcen bis zur Lösung der Landkonflikte. Sie befürchten, dass die Privatisierung und Inwertsetzung ihres Wissens und ihrer natürlichen Ressourcen die politische, soziale, ökonomische und kulturelle Integrität ihrer Völker untergraben wird“.[123] Zu den aktiven Organisationen gehören nicht nur solche aus „südlichen“ Ländern. Indigenen- Organisationen aus Kanada, den USA und Neuseeland/Aotearoa spielen bei der Positionsbestimmung, Politisierung und Aufklärungsarbeit ebenfalls eine wichtige Rolle. Dazu gehört etwa der Rat indigener Völker zu Biokolonialismus (IPCB).[124] Er wurde organisiert, „um indigene Völker beim Schutz ihrer genetischen Ressourcen, ihres Wissens, ihrer Kultur und ihrer Rechte gegen die negativen Effekte der Biotechnologie zu unterstützen.“

Die Sicht vieler indigener Völker auf biologische Vielfalt unterscheidet sich grundsätzlich von der „westlichen“.[125] Viele indigene Völker trennen nicht zwischen wilder und domestizierter Vielfalt, sie sehen eine enge Verbindung zwischen Natur und Kultur: „Wenn wir über Biodiversität sprechen, sprechen wir wirklich über unsere ganze Weltsicht, unsere Kulturen, unsere Länder, unsere Spiritualität. (…) Dies alles ist miteinander verbunden.“ [126]

 Maismenschen und die Liane der Seele

 In manchen Kulturen verbinden sich mit den wichtigsten Nahrungs-
 oder Heilpflanzen Weltbild und religiöse Traditionen der
 Menschen. So sind etwa dem „Popol Vuh“, einer Sagen- und Mythensammlung
 der Maya zufolge, die Menschen aus einer Mischung
 von weißem und gelbem Mais geschaffen. Der Mais ermöglichte
 Geschmeidigkeit und Zähigkeit, nachdem Lehm und Holz keine befriedigenden
 Ergebnisse gebracht hatten. Die Maya betrachteten
 den Mais als göttliches Wesen, ausgesät wurde er in kollektiver
 Arbeit und mit feierlichen Riten begleitet. Neben gelbem, weißem,
 rotem und schwarzem Mais wuchsen auf der „Milpa“, dem
 Maisfeld, schwarze Bohnen und Kürbisse. Am Mais konnten die
 Bohnen emporklettern, während die großen Kürbisblätter verhinderten,
 dass der Regen die kostbare Erde wegschwemmte. Auf diese
 Weise spiegelt die „Milpa“ die Vorstellung des Zusammenlebens
 und Zusammenwirkens der Maya wieder.

 Mais ist bis heute eines der wichtigsten Nahrungsmittel in Lateinamerika.
 Er spielt auch heute noch eine große Rolle in der Symbolik
 und den Texten indigener Gruppen in verschiedenen Ländern
 Lateinamerikas. Ein Maiskolben war Teil des Logos der guatemal-
 tekischen Guerillabewegung UNRG. Auch die mexikanische Bewegung
 EZLN [127], die hauptsächlich aus Indigenen besteht, bezieht
 sich in ihren Texten immer wieder auf Mais als wichtiges Symbol.
 Ihre Angehörigen bezeichnen sich darin auch als „Maismenschen“.
 Die Pflanze Banisteriopsis caapi wird von Schamanen indigener
 Völker [128] im westlichen Amazonasbecken verarbeitet, um ein zeremonielles
 Getränk herzustellen, das als „Ayahuasca“ („Rebe der
 Seele“) bekannt ist. Sie verwenden es für die Heilung von Kranken
 und in religiösen Zeremonien, um Geister zu treffen und in die Zukunft
 zu blicken. Der Ayahuasca-Rausch wird als Rückkehr zum
 Ursprung aller Dinge betrachet 129 und die Menschen glauben, in
 ihren Visionen den Göttern ihres Volkes zu begegnen oder der Erschaffung
 des Menschen oder gar des „Universums“ beizuwohnen.
 Die Inkas nannten Ayahuasca die „Weinrebe der Seelen“ oder
 „Peitsche der Toten“. Zahlreiche Sagen und Legenden ranken sich
 um diese Pflanze. Auch Ayahuasca wurde ein Objekt von Biopiraterie.
 [130]

Die Positionen indigener Organisationen drehen sich um drei Themenkomplexe: erstens die Frage ihrer Souveränität und ihrer Selbstbestimmungsrechte in Bezug auf Land, den Zugang zu ihrem traditionellen Wissen und zu den genetischen Ressourcen auf ihren Gebieten, zweitens die Wirkung von Vorteilsausgleich und (westlichen) geistigen Eigentumsrechten, sowie drittens die Möglichkeiten eigenständiger Schutzformen für indigenes Wissen.

[120] Der Begriff „Indigene“ ist eine relativ junge Übersetzung, wahrscheinlich des spanischen Begriffs „indígenas“ und wird inzwischen weltweit für „Ureinwohner“ verwendet. In Lateinamerika hat er als Sammelbezeichnung für alle Nachkommen der vorkolumbianischen Bevölkerung die Begriffe „Indios“ oder „Indianer“ ersetzt, vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Indigen

[121] Indigene Organisationen benutzen den Begriff „Volk“ als Selbstbezeichnung, um damit ihren Anspruch auf den Status eines Rechtssubjektes auch im Völkerrecht zu verdeutlichen. Aus diesem Grunde wird er auch hier im Buch so verwendet, trotz der problematischen Geschichte des Wortes „Volk“ im Deutschen.

[122] Vgl. www.biodiv.org/doc/case-studies/default.aspx

[123] Vgl. Statement of the International Indigenous Forum on Biodiversity at the Ad Hoc Open- Ended Working Group on Access and Benefit Sharing, Bonn, 22.-26. Oktober 2001.

[124] Selbstdarstellung des „Indigenous Peoples Council on Biocolonialism“ unter www.ipcb.org/

[125] Problematische Aspekte einer vereinfachenden Gegenüberstellung von „edlen Wilden“ und „Westen“ diskutiert B. Thaler, Biopiraterie und Indigener Widerstand, 2004. bes. S.57 – 72.

[126] Stella Tamang, Federation of Nationalities, Nepal, zit. in The Rural Advancement Foundation International, Enclosures of the mind: Intellectual Monopolies, 1997, S. 27.

[127] Ejército Zapatista de Liberación Nacional, deutsch „Zapatistische Armee der Nationalen Befreiung“, Bauernmiliz im südmexikanischen Bundesstaat Chiapas, Trägerin des Aufstandes dort seit dem 1.1.1994.

[128] Vgl. "www.amazonlink.org/biopiraterie/ayahuasca.htm":

[129] Vgl. www.caiman.de/ayahua.html

[130] Siehe www.amazonlink.org/biopiraterie/ayahuasca.htm