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Bauernbewegungen

erstellt von dieter zuletzt verändert: 18.01.2006 01:28

Bäuerinnen und Bauern spielen beim Erhalt der biologischen Vielfalt eine entscheidende Rolle. Sie haben die landwirtschaftliche Vielfalt erst entwickelt und über Generationen bewahrt. Mit ihren „Landsorten“ stellen sie direkt die Nahrungsgrundlage für Millionen Menschen jenseits der industrialisierten Landwirtschaft sicher. Seit Jahrtausenden behalten KleinbäuerInnen für ihre Landwirtschaft, für den Eigenbedarf und darüber hinaus, einen Teil ihrer Ernte zur Wiederaussaat im folgenden Jahr ein. Daher sind Bäuerinnen und Bauern sehr direkt von Biopiraterie und den entsprechenden internationalen Abkommen betroffen. Menschen in der Landwirtschaft in Entwicklungsländern protestieren in den letzten Jahren verstärkt für „Farmers’ Rights“ [147] und gegen Biopiraterie, gegen die Industrialisierung der Landwirtschaft und den Einfluss von großen Agrarkonzernen. Im folgenden werden einige Gruppen und ihre Aktionen vorgestellt.[148]

Karawanen und Demonstrationen

Im Jahr 2000 bildeten in Thailand 400 Dorfbewohner aus 5 Provinzen der nordöstlichen Thung Kula Ronghai Region, die für den besten Jasminreis berühmt ist, eine elftägige Karawane gegen die Einführung von genmanipuliertem Jasminreis, organisiert durch BioThai (Thai Network on Community Rights and Biodiversity). Im Rahmen dieser Kampagne wurden Treffen zwischen BäuerInnen aus Thailand, Indien, Kambodscha und von den Philippinen organisiert, um Erfahrungen im Kampf gegen genmanipulierte Pflanzen auszutauschen.

Eine große internationale Karawane für das Recht auf Ernährungssouveränität fand im September 2004 durch 13 asiatische Länder statt und machte die Öffentlichkeit dort auf viele Fragen zur Ernähung aufmerksam, wobei aber dort der Kampf um Land und gegen gentechnisch veränderte Organismen (GMOs) derzeit vordringlicher ist als der gegen Biopiraterie.

Auf den Philippinen protestierten im April 2003 mehrere hundert BäuerInnen gegen das Internationale Reisforschungsinstitut, IRRI. Die BäuerInnen beschuldigten das IRRI der Verbreitung von GMOs, der Beihilfe zur Biopiraterie und der Gefährdung der ArbeiterInnen. Sie forderten die sofortige Schließung des Instituts.149 Seit 1996 findet in jedem Jahr am 17. April der Internationale Tag für die Kämpfe der BäuerInnen statt. 2004 protestierten in 26 Ländern Menschen für Ernährungssouveränität und gegen gentechnisch veränderte Pflanzen.

La Via Campesina

La Via Campesina (VC) [150] wurde 1993 als internationaler Zusammen schluss von Kleinbauernorganisationen, FarmarbeiterInnen, Landfrauen und indigenen Gemeinschaften aus der ganzen Welt gegründet. Die meisten Mitglieder leben in Asien und Lateinamerika. VC bezeichnet sich selbst als autonome, pluralistische und unabhängige Bewegung. Der Organisation geht es darum, Solidarität und Gemeinsamkeit unter der Vielzahl an kleinen Bauernorganisationen zu entwickeln, „um für gleichberechtigte Wirtschaftsbeziehungen und soziale Gerechtigkeit [zu werben]“ und für „die Erhaltung von Land, Nahrungssouveränität und nachhaltiger Landwirtschaft“ zu streiten. La Via Campesina versucht dafür, Macht- und Entscheidungszentren zu beeinflussen, die Partizipationsmöglichkeiten von Frauen zu erhöhen und die Mitgliedsorganisationen zu stärken.

Für La Via Campesina ist biologische Vielfalt von kultureller Vielfalt nicht zu trennen. In der Abschlusserklärung ihrer Konferenz über Biologische Vielfalt und genetische Ressourcen im Oktober 2000 forderte sie, Bio diversität als Grundlage der Ernährungssicherheit anzuerkennen und nicht den Welthandelsregeln zu unterwerfen, sondern gerade lokale Märk te und Vielfalt zu fördern. Außerdem solle ein Moratorium gegen Bio prospektion beschlossen werden, bis Mechanismen vereinbart sei en, um die Rechte der Landbevölkerung zu garantieren und Biopiraterie auszuschließen. Schließlich müssten Bauern und Bäuerinnen überall das Recht haben, die landwirtschaftliche Vielfalt zu nutzen und Zugang zu Land, Arbeit und Kultur zu bekommen. La Via Campesina schlägt die Einrichtung eines Kontrollmechanismus vor, um die Verwirklichung dieser Ziele zu überprüfen und Beschwerden Betroffener bearbeiten zu können. [151] Neben klassischen Landwirtschaftsthemen werden Themen wie Menschenrechte, Geschlechterverhältnisse sowie Handel und Investitionen bearbeitet. Weitere zentrale Forderungen sind die „Farmers’ Rights“ und ein Moratorium gegen gentechnisch veränderte Pflanzen.

Indien

Etwa die Hälfte der in Indien lebenden Menschen ist direkt oder indirekt in der landwirtschaftlichen Produktion tätig.[152] Dem Schutz biologischer Ressourcen wird daher landesweit eine hohe Bedeutung beigemessen. Die Rolle, die Bäuerinnen und Bauern in Indien spielen, ist vielfältiger (oder bekannter) als in anderen Ländern. Wichtige Akteure sind die Karnataka Farmers Association (KRRS), die Farmers Union (Shetkari Sangatana), die Umweltaktionsgruppe Kalpavriksh, die Research Foundation for Science, Technology and Ecology, die Gene Campaign sowie das Centre for Science and Development.

KRRS

Die KRRS vertritt ca. 10 Millionen indische Farmer, sie wirbt vor allem für organischen Landbau und die Abkehr von den zerstörerischen Methoden der „Grünen Revolution“, und sie unterstützt Bauern durch das eigene Institut für nachhaltige Landwirtschaft.[153] Ihren Schwerpunkt hat die KRRS im Bundesstaat Karnataka. An einer von der KRRS im Sommer 1993 organisierten Demonstration gegen den Entwurf des TRIPS-Abkommens beteiligten sich ca. eine halbe Million Menschen. Sie unterstützten die Forderungen des Vorsitzenden der KRRS, Prof. Nanjundaswamy, nach einem Schutz der Rechte der Bauern, dem Verbot der Vergabe geistiger Eigentumsrechte auf biologisches Material an ausländische Firmen und nach Gemeinschaftsrechten. „Saatgut muss weiterhin zwischen den Bauern eines Landes und auf der ganzen Welt frei ausgetauscht werden dürfen, wie es bis heute die Praxis gewesen ist.“ [154]

Die KRRS geht in ihrer Opposition gegen Patente auf Leben und Terminatortechnologie z. T. recht radikal vor, und schreckt selbst vor der Zerstörung von Gebäuden internationaler Saatgutfirmen und von Feldern mit gentechnisch veränderten Pflanzen nicht zurück.[155] Auch international tritt die Organisation auf, so reiste eine Delegation im Frühsommer 1999 nach Europa, um auf ihre Forderungen aufmerksam zu machen. KRRS fordert, ausländischen Unternehmen weder den Zugang zum indischen Landwirtschaftssektor noch zur biologischen Vielfalt des Landes zu gestatten. Des weiteren wird die Frage des Zugangs zu genetischen Ressourcen „umgedreht“. Die Bäuerinnen und Bauern fordern den „bevorzugten, wenn nicht freien Zugang zu den Sorten, die ex situ konserviert und verbessert wurden,“ 156 da sie niemals für das aus traditioneller Landwirtschaft stammende Ausgangsmaterial, das weltweit in Genbanken lagert, entschädigt worden sind.

Aus Indien gibt es noch weit mehr Stimmen gegen Patente auf Leben. Die bekannteste dürfte Vandana Shiva gehören, die für ihren Kampf um die Rechte der indischen Bäuerinnen und Bauern 1993 den alternativen Friedensnobelpreis verliehen bekam. Sie informiert in aller Welt über die Bedrohung der „Farmers‘ Rights“ in den Ländern des globalen Südens und ist eine scharfe Kritikerin gängiger Konzernpolitik sowie internationaler Abkommen, die diese begünstigen. Ihr Name ist eng verknüpft mit dem Widerstand der InderInnen gegen die Patente auf den heiligen Neembaum.

[147] Vgl. Swissaid, GRAIN (Hrsg.), Bäuerinnen und Bauern erhalten die biologische Vielfalt – Beispiele aus dem Süden, 1991.

[148] Vgl. detaillierter: G. Kaiser, Biodiversitätskonvention und Geistiges Eigentum im Interessenkonflikt, Abschlussarbeit an der Uni Bonn, 2002.

[149] Vgl. K. Wolff, IRRI – Oryza Nirwana, in Genethischer Informationsdienst, Nr. 158, 2003.

[150] Im Internet unter ; vgl. auch J. Uhlenbusch, La Via Campesina, ila Nr. 215, Mai 1998.

[151] Via Campesina, Biodiversity and Genetic Resources, III. Internationale Konferenz, Bangalore, Oktober 2000, www.viacampesina.org/

[152] Vgl. V. Heins, Der neue Transnationalismus – Nichtregierungsorganisationen und Firmen im Konflikt um die Rohstoffe der Biotechnologie, 2001.

[153] Vgl. M. Khor, Towards sustainable agriculture, Juni 1995., im Internet: www.sare.org/sanet-mg/archives/html-home/8-html/0273.html

[154] Zit. in M. Khor, Indian Farmers rally against GATT, Bio-Patents, Oktober 1993.

[155] Siehe J. Madeley, Big Business, Poor Peoples, 1999; IATP-News, GM Foods Campaign – The Seeds of Destruction vom 15.Februar 1999. [156] R. Guha/J. Martinez-Alier, Die Vermarktung der Artenvielfalt, Prokla, Heft 108, 1997.