Kritische Fragen zur Rolle von Frauen
International gilt die Erhaltung biologischer Vielfalt nur als möglich, wenn Frauen als Akteurinnen wahrgenommen werden und mitsprechen können. Bisher ist davon nur wenig zu merken. So erwähnt zwar die Präambel der CBD Frauen ausdrücklich: „In Anerkennung der lebenswichtigen Rolle, die Frauen bei der Bewahrung und nachhaltigen Nutzung biologischer Vielfalt spielen und in Bestätigung der Notwendigkeit der vollen Teilnahme von Frauen auf allen Ebenen der Politik und der Umsetzung von Maßnahmen für die Bewahrung biologischer Vielfalt (…).“ Jedoch ergeben sich daraus keine Konsequenzen. Frauen werden wie so oft von vorgeblich geschlechtsneutralen Formulierungen lediglich „mitgemeint“. Damit werden bestehende Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern verfestigt.
Was dies bedeutet, zeigt beispielsweise der kritische Blick auf den Artikel 8 der CBD, in dem es darum geht, traditionelles Wissen zu schützen und Regeln für den Erhalt biologischer Vielfalt vor Ort aufzustellen. Mit Blick auf das Geschlechterverhältnis stellen sich dabei folgende Fragen: Wer entwickelt welche Wissensbestände, wer gibt sie weiter? Welches Wissen gilt für den Erhalt der (Agro)biodiversität als relevant – fließt das Wissen von Frauen genauso ein wie das von Männern? Gibt es Bemühungen, mit denen speziell der Erhalt des von Frauen überlieferten Wissens unterstützt wird? Können Männer und Frauen gleichermaßen von Maßnahmen zum Schutz traditionellen Wissens profitieren? Der Ausschluss von Frauen aus Entscheidungsprozessen führt dazu, dass das Wissen und die Tätigkeiten von Frauen, die für den Erhalt der Biodiversität wichtig sind, übersehen werden. Besonders brisant ist der Mechanismus des Vorteilsausgleichs. Wer profitiert in welcher Weise davon? Stehen Frauen und Männern dieselben Rechte und derselbe Zugang zu fi nanziellen und materiellen Ressourcen zu? Werden Landrechte garantiert – und wenn ja, in gleicher Weise für Frauen und für Männer? Von wem wird die vorherige informierte Zustimmung (PIC) eingeholt, mit wem werden die gegenseitig zugestimmten Bedingungen (MAT) vereinbart? Da Frauen in den Entscheidungsprozessen zu PIC und MAT unterrepräsentiert sind, sind ihre Möglichkeiten, über die Nutzung genetischer Ressourcen mitentscheiden zu können, mit ihren Positionen Rückhalt zu finden und gegebenenfalls ihre Ablehnung einzubringen, stark beschränkt. Durch die fehlenden Partizipationsmöglichkeiten ist zudem die Möglichkeit, fi nanziell oder durch Sachleistungen am Vorteilsausgleich teilzuhaben, begrenzt.
Bei der Ausweisung von Schutzgebieten wäre ebenfalls zu fragen, inwieweit Frauen und Männer unterschiedlich betroffen sind. So kann etwa eine Einschränkung der Landnutzung Tätigkeiten, die vorwiegend von Frauen ausgeübt werden (wie das Sammeln von Wildpflanzen) unmöglich machen. Dies bedeutet eine extreme Gefährdung der Ernährungssicherheit, da in vielen Ländern des globalen Südens bis zu fünfzig Prozent des täglichen Bedarfs an Nahrungsmitteln durch Wildpflanzen gedeckt werden.