Am Verhandlungstisch und auf der Straße: Widerstand und Protest gegen Biopiraterie
Wo Menschen unterdrückt und ausgebeutet werden, erhebt sich immer wieder Protest und Widerstand dagegen – und oft findet dieser Widerstand internationale Solidarität. Das Thema Biopiraterie war lange Zeit ein Spezialthema der NGO-Fachleute, obwohl sich an der Privatisierung der biologischen Vielfalt gut die Charakteristika kapitalistischer Gesellschaftsentwicklung zeigen lassen. Ein Grund dafür ist vielleicht darin zu suchen, dass die Menschen im hochindustrialisierten Deutschland nur noch wenige direkte Bezüge zur biologischen Vielfalt und zu „Naturthemen“ haben. In vielen Ländern des globalen Südens sieht die Situation anders aus: hier sind viele Menschen auf traditionelle pflanzliche Medikamente angewiesen oder bauen in Subsistenzlandwirtschaft verschiedene Getreide- und Gemüsesorten auf ihrem eigenen Land an.
Kurze Geschichte des Widerstandes gegen Biopiraterie Protest und Widerstand gegen die Inwertsetzung genetischer Ressourcen gibt es international auf vielen Ebenen, mit unterschiedlichen Schwer- und Ausgangspunkten. Die Erfahrungen der „Grünen Revolution“, d. h. der verstärkten Industrialisierung der Landwirtschaft durch Hochertragssorten und synthetische Düngemittel in den 1950 er und 1960 er Jahren bilden den Hintergrund vieler heutiger Proteste gegen die Privatisierung biologischer Vielfalt. Die massive und teilweise gewalt- same Durchsetzung der „Grünen Revolution“ brachte zwar zunächst Ertragssteigerungen, erhöhte jedoch die Abhängigkeit der BäuerInnen von internationalen Unternehmen und die Verschuldung, verringerte die Artenvielfalt und zerstörte Ökosysteme. Viele AktivistInnen aus Entwicklungsländern wiesen bereits in den frühen 1980er Jahren auf die Folgen der Privatisierung biologischer Vielfalt im Zusammenspiel mit der Gentechnologie hin und organisierten Widerstandsaktionen dagegen.[161] In Indien demonstrierten 1993 parallel zu den Verhandlungen des TRIPS-Abkommens mehrere hunderttausend Bauern und Bäuerinnen gegen die Patentierung von Pflanzen, Tieren und deren Genen. Von Basisbewegungen wurden die Rechte der BäuerInnen gegen die neuen internationalen Bestimmungen in Stellung gebracht. Sie fanden Eingang in die Diskussionen der UN-Organisation für Nahrung und Landwirtschaft (FAO). Dort werden seit Anfang der 1980 er Jahre Diskussionen über Maßnahmen geführt, die die Gen-Erosion landwirtschaftlicher Sortenvielfalt reduzieren sollen. In Deutschland wurde seit 1992 unter dem Slogan „Kein Patent auf Leben“ eine breitere Öffentlichkeit auf die Problematik aufmerksam gemacht, vor allem von der gleichnamigen Kampagne und Greenpeace. Den Begriff Biopiraterie prägte 1993 die kanadische Gruppe RAFI [162]. Sie macht damit die politische Dimension der Aneignung genetischer Ressourcen deutlich und hielt den Biotechnologie- Unternehmen einen Kampfbegriff entgegen.
Die Protestformen sind höchst unterschiedlich, je nachdem ob Regierungen, soziale Bewegungen, VertreterInnen von Nichtregierungsorganisationen oder Wissenschaftsnetzwerke sich gegen Biopiraterie stellen. Unterschiedliche Interessen und v.a. unterschiedliche Gesellschaftsentwürfe spielen eine entscheidende Rolle dabei, welche Kritik formuliert und welche neuen Perspektiven aufgezeigt werden. Nicht alle, die Patente auf Leben ablehnen, sind gleichzeitig gegen Biopiraterie aktiv, und nicht alle, die Biopiraterie ablehnen, stellen gleichzeitig die Inwertsetzung biologischer Vielfalt in Frage.
[161] Z. B. P. Mooney, Saat-Multis und Welthunger – Wie die Konzerne die Nahrungsschätze der Welt plündern, 1981.