Datenbanken und Register
Indien und Peru gehören zu den Ländern, die traditionelles und kollektives Wissen durch Datenbanken oder Register (z. B. über das Internet) öffentlich zugänglich machen. Das dokumentierte Wissen zu den verschiedenen Anwendungsmöglichkeiten von Pflanzen ließe sich – so die Motivation hinter dem Vorhaben – durch Patentämter bei der Prüfung von Patentanträgen oder durch NGOs einsehen. Das könnte Patente auf Pflanzen, Stoffe oder Verfahren verhindern, deren Wirkungen, Anwendungen oder Herstellungstechniken schon seit längerem bekannt sind, weil das Patentkriterium der Neuheit nicht erfüllt ist.
In Indien mit seinen vermutlich über 9.000 traditionellen Heilpflanzen wurde die Traditional Knowledge Digital Library eingerichtet. Dieses Regierungsprojekt soll eine Vernetzung unter den Patentämtern fördern und Biopiraterie verhindern. In digitaler Form wurden bis Oktober 2003 bereits 36.000 Ayurveda-Texte dokumentiert und in fünf verschiedenen Sprachen zugänglich gemacht. Zwar sollen auf diesem Weg über 1.200 Heilpflanzen einer Patentierung entzogen werden, jedoch wird gleichzeitig die Forschung und Vermarktung dieser Pflanzen gefördert. Das verschärft die Gefahren eines solchen Registers: Durch den gesteigerten Bekanntheitsgrad und mögliche Gewinnaussichten wird eine Kommerzialisierung des traditionellen Wissens und der Heilpflanzen gefördert.
Obwohl die Datenbank keine direkte Patentierung erlaubt, schützt sie nicht zuverlässig davor, wenn Biotechnologieunternehmen z. B. einen besonders hohen Reinheitsgrad eines Wirkstoffes erreichen oder leichte Abwandlungen beschreiben. Zumindest das US-amerikanische Patentamt ist bei solchen „erfinderischen Schritten“ leicht zu überzeugen, im Interesse der heimischen Konzerne zu handeln. Anfang 2005 startete Indien eine Initiative, dieses Datenbanksystem auf alle Länder in der Südasiatischen Vereinigung für Regionale Kooperation (SAARC) auszudehnen.[182]
Ebenfalls in Indien gründeten sich in den vergangenen Jahren viele lokale Biodiversitätskommitees, die eine Bestandsaufnahme der landwirtschaftlichen Nutzpflanzenvielfalt machen und das Wissen zum Umgang mit Saatgut aufarbeiten, um es zu bewahren. „Community Biodiversity Register“ entstehen, die die Unabhängigkeit der bäuerlichen Gemeinschaften von staatlicher oder kommerzieller Saatgutversorgung betonen. Leider werden diese Ziele in etlichen Fällen durch nationale Gesetzgebungen in Frage gestellt (siehe unten und Kapitel 4 Nachbaugebühren). Positive Auswirkungen auf lokale Gemeinschaften können solche Registrierungsprojekte vor allem haben, wenn sie in selbstorganisierten Prozessen durchgeführt werden. Der Austausch über teilweise verschüttetes Wissen um Heilwirkungen von Pflanzen oder ihre Zubereitung kann regionalen Nachbarn zu Gute kommen und das Bewusstsein über den eigenen kulturellen und materiellen Reichtum fördern. Darauf zielt beispielsweise auch die Arbeit von COMPITCH, einer Organisation mexikanischer HeilerInnen und Hebammen.
Register zum Saatguterhalt Um das Wissen über traditionelles Saatgut wiederzubeleben, hat die Deccan Development Society begonnen, Register biologischer Vielfalt anzulegen. In einem Projekt zur Sicherung von Gemeinschaftswissen werden Dörfer besucht und in gemeinschaftlicher Arbeit mit den KleinbäuerInnen vor Ort wird das vorhandene Wissen zusammengetragen. Zunächst wird mitten auf dem Dorfplatz eine große Tabelle in den Sand gezeichnet und die lokal verwendeten Pfl anzensorten werden eingetragen bzw. hineingelegt. In fast 40 Spalten bietet das „überdimensionale Schachbrett“ auf dem Boden Platz für die Eintragung wissenswerter Merkmale Dutzender Pflanzensorten. Jede Feldfrucht wird auf jedes Merkmal hin besprochen und das Wissen der Menschen in die Tabelle eingetragen. Ist das ganze „Schachbrett“ gefüllt und ein Konsens über die Zuordnungen gefunden, wird das zusammengetragene Wissen in ein Buch eingetragen und mit Unterschriften und Fingerabdrücken beglaubigt.[183]
[182] SAARC to set up Traditional Knowledge Digital Library, The Financial Express, Dehli, 3. Januar 2005.
[183] EED (Hrsg.), Früchte der Vielfalt – Globale Gerechtigkeit und der Schutz traditionellen Wissens, 2002.