Jenseits der Pflanzen
Biopiraterie – nur ein Problem welches die pflanzliche Vielfalt betrifft? Die auf den vorhergehenden Seiten angeführten Beispiele könnten einen solchen Eindruck erwecken. Jedoch existieren ähnliche Debatten im Hinblick auf Nutztiere, „wilde“ tiergenetische Ressourcen oder meeresbiologische Vielfalt und sogar den Menschen.[188] Biopiraterie und Tiere Auch Tiere werden Gegenstand von Biopiraterie, so zum Beispiel der erst 2002 entdeckte tropische Frosch Phyllomedusa oreades, dessen Haut einen antibakteriellen Stoff enthält. Allerdings ist die Bedeutung von Pflanzen für Ernährung und Medizin wesentlich größer als die der Tiere. Dies liegt vor allem daran, dass viele Pflanzen leichter zugänglich sind und schlicht nicht weglaufen können. Da die Tiere sich bekanntermaßen hauptsächlich von Pfl anzen ernähren und damit auf den Erhalt derselben angewiesen sind, legten NGOs, Regierungen und internationale Orga nisationen ihren Schwerpunkt in den 1970 er bis 1990 er Jahren auf die Bewahrung der pfl anzengenetischen Ressourcen. Mittlerweile sind die Diskussionen und Verhandlungen auch im Bereich der tiergenetischen Ressourcen weiter vorangeschritten. Die FAO erstellt derzeit einen Weltzustandsbericht zu tiergenetischen Ressourcen, der ähnlich wie bei den Pflanzen in einem globalen Aktionsplan münden wird. Nichtregierungsorganisationen wie die Liga für Hirtenvölker [189] versuchen, die Bedeutung der Tierrassenvielfalt vor allem für arme Bevölkerungsgruppen herauszustellen, den Verlust dieser Vielfalt zu thematisieren und Hand lungsstrategien zu eröffnen. Die Gefährdungsursachen sind häufig die gleichen wie bei Pfl anzen: Hochleistungsrassen, Zerstörung von Ökosystemen, Gentechnologie und geistige Eigentumsrechte.[190] Biopiraterie und Menschen Selbst Patente auf menschliche Gene sind keine Seltenheit mehr. Die Patentierung sogenannter Brustkrebsgene wurde in Kapitel 4 bereits angesprochen. Die Patentierung der Zelllinien von John Moore, einem an einer seltenen Form von Leukämie erkrankten US-Amerikaner, ist ein klassischer Fall von Biopiraterie. Moores behandelnder Arzt ließ ohne dessen Wissen Teile seiner befallenen und operierten Milz im Labor kultivieren. Dann ließ er sich ein entstehendes besonderes Eiweiß, eine angeblich wertvolle pharmazeutische Komponente beim Einsatz in der Krebstherapie, patentieren.[191] Deutlich weiter als solche Einzelfälle gehen groß angelegte Untersuchungen an größeren Menschengruppen. Im Rahmen des „Genographic Project“ [192], dass von National Geographic und IBM durchgeführt wird, soll das Erbgut von 100.000 Indigenen analysiert und im Kontext von Geschichte und Rasse bewertet werden. Es geht angeblich darum, Migrationswegeunserer frühen Vorfahren nachzuzeichnen und Beziehungen sowie Unterschiede zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen zu verstehen.[193]. Bereits Anfang der 1990 er Jahre sollte das ähnlich angelegte „Human Genome Diversity Programme“ starten. Diesem wurde jedoch nach massiver Kritik wegen seiner rassistischen Grundlage die öffentliche Unterstützung entzogen. Nun scheint es eine rein privatwirtschaftliche Neuauflage des Programms zu geben.[194] IBM und National Geographic machen zwar die Zusage, die Ergebnisse nicht patentieren lassen zu wollen und das Projekt sehr partizipatorisch und transparent durchzuführen, dennoch lassen sich die gewonnenen Daten auch kommerziell verwenden. Weiterhin gelten die Zusagen nur für direkte Ergebnisse, nicht für Forschungsergebnisse, die auf den „Genographic“-Daten aufbauen. „Hapmap“ [195] wiederum ist ein Projekt zur Identifizierung und Katalogisierung genetischer Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Menschheit. Durchgeführt wird es seit Ende 2002 von Institutionen aus sechs Ländern.[196] Ziel ist es, die genetischen Sequenzen von Individuen miteinander zu vergleichen, um Chromosomenregionen zu identifizieren, auf denen die gleichen Unterschiede vorkommen. Diese Informationen sollen kostenlos zur Verfügung gestellt werden, um Gene zur Krankheitsdiagnostik oder -therapie ausfindig zu machen. Durchgeführt werden die Untersuchungen mit insgesamt 270 Personen. Vier „Ethnien“ in Nigeria, Japan, China und den USA werden von den ForscherInnen untersucht. Ob die potentiell entstehenden Ergebnisse anschließend öffentlich zugänglich sein werden und inwiefern die Versuchspersonen eine Entschädigung erhalten, ist bislang nicht erkennbar. [188] Craig Venter, der „Entschlüssler“ des menschlichen Genoms, ist derzeit auf den Weltmeeren unterwegs, um die DNA der Bakterien in den Ozeanen zu katalogisieren, vgl. www.wams.de/data/2005/04/10/671364.html, auch www.etcgroup.org/documents/rockboat.final.pdf [189] www.pastoralpeoples.org .. [190] Liga für Hirtenvölker, Tierhalterrechte, Nutztierrassen erhalten, ländliche Existenzen bewahren, 2004. [191] GRAIN, in: F. Köchlin (Hrsg.), Das patentierte Leben, 1998, S. 42. [192] https://www5.nationalgeographic.com/genographic/